Die aktuelle Pressemitteilung des GKV-Spitzenverbands zur digitalen Steuerung der Versorgung wird als Fortschritt verkauft: effizientere Abläufe, schnellere Termine, bessere Vernetzung.

Aus pflegefachlicher Perspektive ist diese Darstellung unvollständig.

Sie beschreibt ein System, das aus der Sicht der Steuerung funktioniert – aber nicht zwingend aus der Sicht derjenigen, die es tatsächlich nutzen müssen.

Denn die zentrale Voraussetzung bleibt unausgesprochen: Der Patient soll in der Lage sein, sich innerhalb eines digital strukturierten Versorgungssystems zu orientieren, Entscheidungen zu treffen und Prozesse aktiv zu bedienen.

Das ist für einen Teil der Bevölkerung realistisch. Für einen wachsenden Teil ist es das nicht.

Wir sprechen hier nicht über Randgruppen. Wir sprechen über eine alternde Gesellschaft mit steigender Prävalenz neurodegenerativer Erkrankungen, insbesondere Demenz. Über Menschen mit eingeschränkter Exekutivfunktion, reduzierter Belastbarkeit, eingeschränktem Seh- und Hörvermögen und oft niedriger Gesundheits- und Digitalkompetenz.

Aus pflegefachlicher Sicht ist das keine Nebensächlichkeit, sondern eine zentrale Versorgungsvariable.

Systeme, die auf Eigensteuerung durch den Patienten setzen, müssen sich daran messen lassen, ob diese Eigensteuerung realistisch leistbar ist.

Genau hier entsteht ein strukturelles Risiko: Die Verantwortung für Versorgung wird schleichend vom System auf den Einzelnen verlagert.

Wer das System versteht und bedienen kann, profitiert.

Wer es nicht kann, organisiert sich Hilfe – oder verliert an Versorgungssicherheit.

Diese Verschiebung ist fachlich problematisch.

Denn sie widerspricht einem zentralen Grundprinzip professioneller Pflege und Versorgung: der Ausrichtung an Ressourcen, Fähigkeiten und Grenzen des Patienten.

Ein System, das faktisch voraussetzt, dass kognitive, soziale und digitale Kompetenzen vorhanden sind, ohne diese systematisch zu kompensieren, erzeugt Versorgungslücken.

Diese sind nicht sofort sichtbar. Sie entstehen leise:

– Termine werden nicht wahrgenommen

– Symptome werden nicht adäquat eingeordnet

– Zugänge bleiben ungenutzt

– Versorgungsbedarfe eskalieren verzögert

Das Ergebnis ist keine effizientere Versorgung, sondern eine spätere, komplexere und oft kostenintensivere Intervention.

Ein Blick in andere Länder, etwa nach Ungarn mit dem EESZT, zeigt diese Dynamik bereits: Offiziell ist das System niedrigschwellig und einfach. In der Praxis zeigt sich, dass insbesondere ältere und weniger digital affine Menschen Unterstützung benötigen – häufig außerhalb des Systems, im privaten Umfeld.

Das ist keine strukturelle Lösung. Das ist eine Verlagerung von Verantwortung.

Aus Sicht einer pflegefachlichen Begutachtung ist daher entscheidend:

Digitalisierung darf nicht zur stillen Zugangsvoraussetzung werden.

Sie muss sich an den vulnerabelsten Gruppen messen lassen – nicht an den digital Kompetenten.

Das bedeutet konkret:

Ein gleichwertiger analoger Zugang ist nicht ausreichend, wenn er faktisch schwerer nutzbar ist.

Unterstützungsstrukturen dürfen nicht dem Zufall überlassen werden.

Kognitive Einschränkungen müssen systematisch mitgedacht werden – nicht nachträglich kompensiert.

Solange diese Punkte nicht konsequent umgesetzt sind, bleibt die digitale Transformation im Gesundheitswesen unvollständig.

Oder klarer formuliert:

Ein System, das für Gesunde und Kompetente optimiert ist, aber von Kranken und Eingeschränkten aktiv bewältigt werden muss, verfehlt seinen Versorgungsauftrag.

Die Frage ist daher nicht, ob wir digitaler werden.

Die Frage ist, ob wir die Realität der Patienten ausreichend ernst nehmen, für die dieses System eigentlich gebaut wird.

Nadin Natalie Arts, DGKP, Pflegesachverständige

#GKV #Pflegeversicherung #digitalisierung


Quelle: https://www.gkv-spitzenverband.de/gkv_spitzenverband/presse/pressemitteilungen_und_statements/pressemitteilung_2225216.jsp