Geschrieben von Nadin Natalie Arts, Veröffentlicht: 8. MÄRZ 2026 12:55

Seit Ende des Letzten Jahren wird die Heilsarmee in Ungarn von den Majoren Cornell und Candace Voeller geführt. Wir sprachen mit ihnen über persönliche Berufung, soziale Brennpunkte, Kooperationen sowie die Balance zwischen geistlichem Auftrag und professioneller Sozialarbeit.

Sie haben kürzlich die Leitung der Heilsarmee in Ungarn übernommen. Welche ersten Eindrücke haben Sie bei Ihrer Ankunft gewonnen – und was ist Ihnen am ungarischen Kontext besonders aufgefallen?

Cornell Voeller: Unser erster Eindruck war ein sehr herzlicher Empfang. Wir wurden von Anfang an freundlich aufgenommen und haben uns schnell willkommen gefühlt. Budapest ist eine wunderschöne Stadt, und da wir zuvor bereits in Europa gelebt haben, fiel uns der Übergang nicht schwer. Natürlich mussten wir uns zunächst mit administrativen Abläufen wie Ausweisdokumenten und behördlichen Prozessen vertraut machen. Aber innerhalb der Heilsarmee haben uns viele Menschen unterstützt – auch mit Übersetzungen. Das hat uns den Start sehr erleichtert.

Candace Voeller: Uns ist außerdem die große Höflichkeit im Alltag aufgefallen. Menschen grüßen einander, bedanken sich – diese Form der Wertschätzung ist spürbar. Das hat uns sehr beeindruckt.

Wie würden Sie die Übergangsphase zwischen Ihren Vorgängern und Ihrer eigenen Leitung beschreiben? Was haben Sie übernommen – und wo sehen Sie Raum für neue Impulse?

Cornell Voeller: Wir kannten unsere Vorgänger bereits aus früheren Jahren in den USA, daher gab es von Beginn an eine gute persönliche Verbindung. Sie sind einige Wochen geblieben, um uns in die Strukturen einzuarbeiten und die Verantwortung schrittweise zu übergeben. Das war sehr hilfreich. Unser Anliegen ist es, auf dem aufzubauen, was sie etabliert haben. Es geht nicht um einen Bruch, sondern um Kontinuität. Gleichzeitig prüfen wir, wo neue Impulse sinnvoll sind – insbesondere im Blick auf regionale Expansion und strategische Weiterentwicklung. Die internationale Struktur der Heilsarmee ist grundsätzlich ähnlich, wird aber kulturell angepasst. Ungarn gehört organisatorisch zur Region Schweiz-Österreich-Ungarn, was klare Zuständigkeiten und Ansprechpartner schafft.

Sie blicken beide auf eine lange persönliche Geschichte innerhalb der Heilsarmee zurück. Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, sich diesem Werk zu verschreiben – und nicht einen konventionellen kirchlichen oder sozialen Berufsweg einzuschlagen?

Candace Voeller: Wir sind beide in der Heilsarmee aufgewachsen. Sie war unsere Kirche, unser geistliches Zuhause. Doch die Entscheidung, Offiziere zu werden, war mehr als Tradition – sie war Berufung. Die Heilsarmee verbindet Glauben mit praktischer Hilfe. Wir begegnen Menschen nicht nur mit spirituellen Angeboten, sondern auch mit konkreter Unterstützung – Nahrung, Unterkunft, Begleitung. Diese Verbindung von Glauben und sozialer Verantwortung war für uns entscheidend.

Cornell Voeller: Unsere Berufung hat sich im Laufe der Jahre vertieft. Wir waren Pastoren, Jugendleiter, Sozialverantwortliche und auch Leiter von Gemeindezentren. Die Aufgaben waren alle unterschiedlich, aber der Kern blieb stets derselbe: Menschen Hoffnung geben und sie in schwierigen Lebenslagen begleiten. „Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.“

Hat sich Ihr Verständnis von „Berufung“ im Laufe der Jahre verändert – insbesondere durch Ihre Erfahrungen in unterschiedlichen Ländern und kulturellen Kontexten?

Cornell Voeller: Ja, durchaus. Als junge Offiziere denkt man zunächst sehr konkret: Wo werden wir gebraucht? Welche Aufgabe steht an? Mit den Jahren haben wir gelernt, dass Berufung weniger ein einzelner Auftrag ist, sondern eine Haltung. Es geht darum, bereit zu sein, sich senden zu lassen – auch in unbekannte Kontexte. Internationale Erfahrungen verändern den Blick. Man erkennt, dass gesellschaftliche Herausforderungen überall unterschiedlich aussehen, aber die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse ähnlich bleiben: Würde, Hoffnung, Zugehörigkeit.

Candace Voeller: Berufung bedeutet für uns heute vor allem Flexibilität und Demut. Wir kommen nicht als „Lösungsbringer“, sondern als Menschen, die lernen. Jede Kultur hat ihre eigenen Stärken, ihre eigenen Wege, mit Not umzugehen. Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Ungarn steht vor sehr spezifischen sozialen Herausforderungen – von Obdachlosigkeit und Armut bis hin zu Migration und demografischem Wandel. Welche Themen empfinden Sie derzeit als besonders dringlich?

Candace Voeller: Ein besonderer Schwerpunkt liegt weiterhin auf der Arbeit mit der Roma-Gemeinschaft sowie auf Jugend- und Bildungsprojekten. Bildung ist ein Schlüssel für nachhaltige Veränderung. Ebenso wichtig sind Programme zur Rehabilitation von Betroffenen von Menschenhandel. Viele unserer Mitarbeiter haben selbst Erfahrungen mit Armut und Ausgrenzung gemacht. Das schafft Vertrauen und Begegnungen auf Augenhöhe.

Cornell Voeller: Wohnungslosigkeit und Armut bleiben zentrale Themen. Gleichzeitig sehen wir, wie wichtig es ist, Menschen nicht auf ihre Umstände zu reduzieren. Hinter jeder Statistik steht immer eine persönliche Geschichte. Es ist uns ein Anliegen, den einzelnen Menschen zu sehen – mit seinen physischen, emotionalen und spirituellen Bedürfnissen. Wenn wir nur Strukturen betrachten, verlieren wir leicht die individuelle Perspektive.

Major Cornell Voeller stammt aus den Vereinigten Staaten und ist seit über drei Jahrzehnten Offizier der Heilsarmee. In dieser Zeit war er unter anderem als Gemeindepastor, Jugendleiter sowie in leitenden Funktionen im Bereich sozialer Einrichtungen tätig. Seine internationalen Erfahrungen umfassen verschiedene Einsatzorte in Europa und Nordamerika.

Wie gelingt es der Heilsarmee, ihren geistlichen Auftrag mit professioneller sozialer Arbeit in einer zunehmend säkularen Gesellschaft in Einklang zu bringen?

Cornell Voeller: Für uns gehört beides unzertrennbar zusammen. Wir sprechen oft davon, den ganzen Menschen zu sehen – körperlich, seelisch und geistlich. Unsere Einrichtungen bieten professionelle soziale und medizinische Unterstützung, gleichzeitig stehen pastorale Begleitung und seelsorgerliche Gespräche zur Verfügung. Eine christliche Konfession ist für Mitarbeiter im sozialen Bereich keine Voraussetzung. Entscheidend ist, dass sie die Werte der Organisation mittragen.

Candace Voeller: Transparenz ist uns wichtig. Wir erklären nicht nur, was wir tun, sondern auch warum wir es tun. Mitgefühl, Professionalität und Verantwortungsbewusstsein sind zentrale Prinzipien. Gerade in einer säkularen Umgebung braucht es klare Kommunikation und glaubwürdiges Handeln. Major Candace Voeller stammt ebenfalls aus den USA. Sie wuchs in der Heilsarmee auf und trat gemeinsam mit ihrem Ehemann in den Offiziersdienst ein. Sie war in pastoralen Aufgaben, in der Jugend- und Gemeindearbeit sowie in der Leitung sozialer Projekte tätig.

Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf dem ganzheitlichen Ansatz von Glauben und sozialer Verantwortung. Zusammenarbeit scheint Teil der DNA der Heilsarmee zu sein. Mit welchen Partnern – kirchlichen oder säkularen – funktioniert die Kooperation in Ungarn besonders gut?

Candace Voeller: Wir verstehen uns als Teil eines größeren Netzwerkes. Wenn wir Ressourcen bündeln, vermeiden wir Doppelstrukturen und können Menschen gezielter helfen. Unser Ziel ist es nicht, sichtbar zu sein – sondern wirksam.

Cornell Voeller: Kooperation ist für uns keine Option, sondern Voraussetzung. Die sozialen Herausforderungen sind zu komplex, um sie allein zu bewältigen. Wir arbeiten mit kirchlichen Partnern ebenso wie mit säkularen Organisationen und lokalen Sozialdiensten zusammen. Dazu gehören ökumenische Initiativen, theologische Ausbildungsstätten sowie verschiedene soziale Einrichtungen. Gerade im medizinischen Bereich sehen wir Potenzial für noch engere Vernetzung – etwa mit Organisationen, die über eine entsprechende Infrastruktur und Fachkompetenz verfügen.

Sehen Sie Potenzial für eine engere Zusammenarbeit mit anderen christlichen oder wertebasierten Hilfsorganisationen in Ungarn – einschließlich traditionsreicher karitativer Initiativen – und wenn ja, in welchen Bereichen könnte dies sinnvoll sein?

Cornell Voeller: Ja, grundsätzlich sehen wir dieses Potenzial. Besonders in Bereichen wie medizinische Unterstützung, logistischen Strukturen oder Freiwilligenarbeit können Synergien entstehen. Wichtig ist dabei, klare Rollen und gemeinsame Ziele zu definieren.

Candace Voeller: Uns geht es um Ergänzung, nicht um Konkurrenz. Wenn unterschiedliche Organisationen ihre jeweiligen Stärken einbringen, entsteht ein Mehrwert für die Menschen, die Unterstützung benötigen. Wir sind offen für Gespräche und prüfen kontinuierlich neue Kooperationsmöglichkeiten.

Die Leitung einer glaubensbasierten Organisation bringt auch schwierige Entscheidungen mit sich. Was empfinden Sie persönlich als die größte Herausforderung in Ihrer Führungsrolle?

Candace Voeller: Gute Führung heißt für uns, auch für die Teams da zu sein, ihnen zuzuhören, sie zu stärken. Hinzu kommt die Verantwortung für die Mitarbeiter und Offiziere. Viele von ihnen arbeiten in belastenden Kontexten, etwa in der Obdachlosenhilfe oder mit besonders schutzbedürftigen Gruppen.

Cornell Voeller: Die größte Herausforderung besteht darin, Vision und Ressourcen in Einklang zu bringen. Die Bedürfnisse wachsen oft schneller als die verfügbaren Mittel – finanziell wie personell. Führung bedeutet daher auch, Prioritäten zu setzen und manchmal auch Nein zu sagen. Gleichzeitig müssen wir darauf achten, unseren Auftrag nicht aus den Augen zu verlieren. Wenn man sich zu sehr von äußeren Erwartungen treiben lässt, besteht die Gefahr einer „mission drift“ – also einer schleichenden Abweichung vom ursprünglichen Auftrag. „Besonders bewegend ist es, wenn Menschen, die selbst Unterstützung erhalten haben, später als Mitarbeiter oder Freiwillige zurückkehren.“

Wie stellen Sie sicher, dass Menschlichkeit, Professionalität und Verantwortlichkeit in Ihrem Umfeld gleichermaßen gelebt werden?

Cornell Voeller: Transparente Kommunikation ist entscheidend. Wir erklären nicht nur Entscheidungen, sondern auch die Hintergründe. Mitarbeiter sollen verstehen, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden.

Candace Voeller: Wir fördern Rückmeldungen und offene Gespräche. Mitgefühl allein genügt nicht – es braucht Professionalität und klare Strukturen. Gleichzeitig darf Professionalität nicht die menschliche Nähe verdrängen. Dieses Gleichgewicht ist uns wichtig.

Wenn Sie fünf bis zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wo sehen Sie die Heilsarmee in Ungarn – strukturell, gesellschaftlich und geistlich?

Cornell Voeller: Wir möchten unsere Arbeit landesweit ausbauen und gleichzeitig eine nachhaltige finanzielle Stabilität erreichen. Es geht darum, bestehende Programme zu stärken und neue Initiativen dort zu entwickeln, wo Bedarf besteht – insbesondere in der Kinder – und Jugendarbeit sowie in der Arbeit mit Roma-Gemeinschaften.

Candace Voeller: Zugleich wünschen wir uns eine größere öffentliche Wahrnehmung. Viele Menschen wissen noch immer nicht, welche Angebote es gibt. Sichtbarkeit bedeutet nicht Selbstdarstellung, sondern Bekanntmachung von Zugängen zu Hilfe und Angeboten.

Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie auf die ungarische Gesellschaft von heute blicken?

Candace Voeller: Besonders bewegend ist es, wenn Menschen, die selbst Unterstützung erhalten haben, später als Mitarbeiter oder Freiwillige zurückkehren. Solche Geschichten zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Cornell Voeller: Uns beeindruckt die Resilienz vieler Menschen. Trotz wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen erleben wir Stolz, Zusammenhalt und den Wunsch, Verantwortung zu übernehmen.

Was können Einzelpersonen – unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit – tun, wenn sie die Arbeit der Heilsarmee in Ungarn unterstützen möchten?

Cornell Voeller: Information ist der erste Schritt. Wer unsere Arbeit kennenlernen möchte, ist eingeladen, unsere Einrichtungen zu besuchen oder Veranstaltungen zu begleiten.

Candace Voeller: Freiwilligendienste, fachliche Unterstützung oder Spenden sind ebenfalls Möglichkeiten. Wer unsere Arbeit unterstützen möchte, kann das aber auch ganz bequem tun, indem er beim Erstellen seiner Steuererklärung die Heilsarmee als Empfängerin für das eine Prozent seiner Einkommenssteuer angibt, das in Ungarn einer religiösen Organisation zugesprochen werden kann. Jeder Beitrag zählt – unabhängig von Konfession.

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